Obdachlos in Hamburg – Dominiks lange Reise

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Unsichtbar, aber überall zu sehen

 

Rund 2000 Menschen sind in Hamburg obdachlos. Sehen tut man sie nicht immer. Obwohl sie oftmals an Orten sind, an denen man sie eigentlich nicht übersehen kann. In der Innenstadt am Jungfernstieg, in der Schanze vor Bars und Clubs oder vor deinem nächsten Supermarkt. Sie fragen nach Hilfe in Form von Münzen und Scheinen. Manchmal mit Worten, manchmal nur mit Blicken. Viele haben sich schon aufgegeben, denn die Perspektive reicht oftmals nur bis zum nächsten Sonnenuntergang.

 

Dominik Bloh, 28, weiß genau, was das bedeutet. Er war selbst lange auf der Straße zuhause. Seit seinem 16. Lebensjahr immer mal wieder. Länger als so mancher zur Schule geht. Nach einem Streit mit seiner Mutter, stand er 2004 auf einmal da. Nur mit ein paar Sachen unterm Arm in Barmbek, noch bevor dieser Stadtteil zum Trendviertel aufstieg.

 

Zurück unter den Mietenden

 

Eigentlich hatte ihm ein Freund Unterschlupf versprochen, aber Menschen halten sich nicht immer an ihre Versprechen. Und als verunsicherter 16-Jähriger brachte sich Dominik einfach nicht dazu, nochmal den Klingelknopf zu drücken.

 

Mittlerweile ist Bloh wieder ein Wohnungsmieter. Beschafft hat ihm dieses Ein-Zimmer-Zuhause der Verein Hanseatic Help, der in Groß Borstel – im Norden Hamburgs – Containerwohnungen für Obdachlose herrichtet. Bloh selbst wohnt zwar nicht dort, aber er ist fast täglich auf dem Gelände der Heilsarmee, denn zusammen mit anderen Freiwilligen richtet er die 16 Wohncontainer ein.

 

Bergauf mit Umwegen

 

Bis dahin war es aber eine schwere Reise. Es gab Tage an denen fuhr er durch die Nacht in Bussen und Bahnen. An anderen – besseren – Tagen fand er eine Gartenlaube, die er zum Übernachten einnehmen konnte. Über das Jugendamt fand er 2005 eine WG für Minderjährige, wo er aber nur bis zu seinem 18. Geburtstag bleiben konnte.

 

Danach zog er zum ersten Mal in eigene Wohnung. Es schien bergauf, weil er 2011 sein Wirtschaftsabitur schaffte. Danach sollte sein Leben wieder auf die richtige Bahn kommen sollte. Aber stattdessen landete Bloh wieder in Hinterstraßen. Autoklau, Kioskeinbruch, Grashandel: Mehrmals kam der heute 28-Jährige in Kontakt mit der Polizei. Er habe es damals einfach nicht besser gewusst, sagt er heute.

 

Keine Zukunft ohne Hustle, kein Obdach ohne Zukunft

 

Die Vorgaben des Arbeitsamts erfüllte er daher nicht. Wer als Hustler auf der Straße aktiv ist, hat schließlich kaum Zeit, um Bewerbungsmappen anzufertigen. Aus der Hartz-IV-Unterstützung wurden schnell nur noch Lebensmittelgutscheine und selbst die blieben schon bald aus. 2012 war Bloh wieder obdachlos. Ohne Unterstützung und ohne konkreten Plan was jetzt passieren sollte.

 

Durch das verteilen von Flyern, dem Drehen und Rauchen von Joints und dem Schreiben von Raptexten fristete Bloh seine Existenz. Wo genau er zu diesem Zeitpunkt schlief, ist ihm nicht mal mehr bekannt. Seine Rettung war am Ende das, was in den vergangenen Monaten und Jahren schon so vielen anderen Hilfsbedürftigen in Hamburg eine Chance bot. Die Kleidersammlung in den Messehallen.

 

Endlich angekommen!

 

Die Geschichte der vielen Flüchtlinge habe sich irgendwie vertraut angefühlt, sagt Bloh rückblickend. Schließlich seien sie ebenfalls lange gelaufen ohne ein Ziel zu haben oder zu wissen, wo sie überhaupt ankommen könnten. Er meldete sich daher als Freiwilliger, half bei der Verteilung und schlief zum Teil in denselben Hallen in denen viele Flüchtlinge untergebracht wurden.

 

Die familiäre Atmosphäre unter den Helfern brachte ihn schließlich dazu seinen Stolz zu vergessen und vor den anderen Helfern zugegeben, dass er ebenfalls obdachlos ist. Ein paar Wochen später meldete sich jemand von Hanseatic Help bei ihm und verhalf ihm zu seiner jetzigen Unterkunft.

 

Eine Dusche als Perspektive

 

Bloh hat jetzt neuen Mut gefunden. Nicht nur, weil er wieder einen geregelten Alltag führt mit Aufgaben, die ihn fordern und ihm ein Gefühl de Wertschätzung geben. Sondern vor allem, weil er über die Jahre erkannt hat, dass es immer Leute gibt, denen es schlechter geht. Sei es in der Jugend-WG, in den Messehallen oder jetzt auf dem Gelände der Heilsarmee in Groß Borstel.

 

Natürlich sind 16 Wohncontainer nicht die Lösung für Hamburgs Obdachlosenfrage. Das weiß auch Bloh. Aber es ist eine gute Möglichkeit, um wieder Fuß zu fassen. Ein Bett kann dabei wahre Wunder vollbringen. Daneben stellt Bloh in den Containern Schreibtische, Schränke und andere Haushaltsgeräte auf, um den Bewohnern ein Gefühl von Heimat zu vermitteln. Schon bald sollen auch Waschmaschinen aufgestellt werden, es gibt Gemeinschaftsduschen. Die brachten Bloh auf eine Idee. Er will versuchen ein Duschmobil zu finanzieren und damit den über 2000 Obdachlosen in der Hansestadt zu helfen.