Zum Festival “müssen alle mit”

Was braucht ein gutes Festival?   Um als Festival durchzugehen, braucht eine Musikveranstaltung ein paar Dinge: Es muss mehr als eine Band spielen, es muss open-air sein und Getränke müssen mindestens drei Euro kosten, ohne Bücherpfand versteht sich. Außerdem muss man nach fünf Minuten mindestens drei Haarfarben gesehen, die man nicht zum Vorstellungsgespräch bei einer […]

Was braucht ein gutes Festival?

 

Um als Festival durchzugehen, braucht eine Musikveranstaltung ein paar Dinge: Es muss mehr als eine Band spielen, es muss open-air sein und Getränke müssen mindestens drei Euro kosten, ohne Bücherpfand versteht sich. Außerdem muss man nach fünf Minuten mindestens drei Haarfarben gesehen, die man nicht zum Vorstellungsgespräch bei einer Bank oder einer Versicherung tragen kann. Wenn es danach geht, erfüllte das “Müssen alle mit”-Festival in Stade am vergangenen Samstag alle Kriterien.

 

Es spielten dort insgesamt sieben Acts. Direkt im Bürgerpark neben dem Bahnhof. Zwischen den Auftritten glich die Atmosphäre der in allen anderen Hamburger Parks an diesem heißen Sonnabend. Die Luft stand, die Menschen lagen. Aber sobald die Künstler die Bühne betraten, schlichen sie sich nach vorne. Männer und Frauen mit grünen, roten oder blauen Haaren, meist gekleidet in T-Shirts mit abgedruckten Bandnamen. Queens of the Stone Age, Black Rebel Motorcycle Club, Bad Religion oder Faith no More.

 

Familiäre Atmosphäre

 

Die Körper, die sie kleideten, hatten, genau wie die oben genannten Bands, ihre besten Zeiten schon gesehen. Es waren Körper, die Nirvana vielleicht noch live gesehen haben. Manche von ihnen trugen selbst noch kleinere Körper auf ihren Schultern. Kleine Körper mit Kopfhörern bzw. Ohrenschützern in denselben schrillen Farben wie so manche Haare direkt neben ihnen. “Müssen alle mit” ist in diesem Fall also wortwörtlich zu verstehen. Rock für die ganze Familie!

 

Da passt es auch irgendwie ins Bild wenn zwischen den Auftritten eine alte Lokalband kurzerhand die Bühne betritt, weil sie den Veranstalter persönlich kennen. “Alle eure Mitglieder sind ja sowieso hier, also spielt doch einfach mal schnell einen Song”, habe er den vier Männern von “Schrottgrenze” gesagt, erzählte Sänger Alex Tsitsigias. Die Atmosphäre war also sehr familiär, denn Tsitsigias fungierte gleichzeitig noch als Ansager für die Bands.

 

Kinderfreundlich geht aber anders

 

Unter anderem kündigte er “Trümmer” (Nachfolger der Hamburger Schule) an, “Isolation Berlin” (Lieblinge des Feuilleton) und natürlich “Tocotronic” (Mitbegründer der Hamburger Schule und Urgestein der deutschen Rockszene). Neben den Comedy-Legenden von Fraktus (alias Studio Braun), dem Münchener Rapper “Fatoni” und der Band “Parcels” versprach das Line-Up aber mehr als nur ein Familientag im Park.

 

Prompt lieferte Isolation Berlin-Sänger Tobi Bamborschke auch die passende Ansage: “Der nächste Song ist niemandem spezielles gewidmet…Fotze!!!”, brüllte er zum Publikum. Kinderfreundlich ist was anderes. Aber genau diese “Fuck you-Attitüde” fehlte den anderen Acts leider ein bisschen.

 

Wo ist der Nachwuchs der Hamburger Schule?

 

“Trümmer” zum Beispiel sind Nachfolger der Hamburger Schule, sicherlich vom Britischen Post-Punk der 70er und 80er inspiriert und wollen rocken. Nur leider klingt jeder Song irgendwie gleich, jede Ansage ist austauschbar und als die Band dann einmal politisch ausholen wollte, um ihr Statement zur Flüchtlingskrise kundzutun, kam nur ein Song namens “Europa Mega Monster Rave” aus den Lautsprechern. Und da die dazugehörige Musik genau so unfertig klang, wie der Songtext und die damit einhergehende Message, entschieden sich zu diesem Zeitpunkt viele Besucher noch einmal am Getränkestand vorbeizuschauen.

 

Fatoni scheint ebenfalls nichts mehr bewegen zu wollen. Klar, als Schauspieler auf der Bühne oder vor der Kamera verdient er mittlerweile wohl deutlich besser als in seinen Zeiten als Solo-Rapper oder Teil der Münchner Hip-Hop-Crew “Creme Fresh”. Dafür weiß er, wie man ein Publikum ansprechen muss, damit sie auch schon um 15 Uhr vor die Bühne kommen.

 

Sachtexte funktionieren besser

 

Auch die Mitglieder von Fraktus haben andere Dinge am laufen. Heinz Strunk ist zum Beispiel Bestseller-Autor mit Literatur-Kritiker-Akzeptanz. Da ist es zu verstehen, wenn er seine Kraft nicht unbedingt in ein fiktives Elektroband-Projekt steckt, deren Musik etwas uninspririert klingt. Dumpfe Bässe, elektronisch verzerrte Stimmen und Synthesizer Melodien aus den 90ern rufen zwar zum tanzen auf, aber mehr aus ironischen Gründen.

 

Aber wenigstens war die Performance Comedy-Gold. Strunks Einleitungen zum Beispiel: “Wir sind in erster Linie eine politische Band. Und in zweiter Linie eine christliche Band, die Sachtexte singt!” Natürlich völliger Unsinn, aber es bringt die gewollten Lacher und danach folgen Text-Slogans wie: “Maler und Lackierer” oder “Saug auf!”. Da ist das Publikum gleich wieder motiviert mitzusingen und selbst rumzublödeln.

 

Charisma, egal ob es schmeckt oder nicht

 

Somit blieben “Isolation Berlin” wohl die Band mit dem Auftritt, der am meisten Charisma versprühte. Mit Ausnahme von Tocotronic natürlich. Bamborschke schreit aber ebenfalls wirklich nochmal und scheint von dem, was er da sagt und singt, wirklich emotional angetan zu sein. Er stampft vor dem Mikro-Stand hin und her, weil es ihm wichtig ist, dass seine Aussagen mit etwas “Ooommph” daherkommen. Egal, ob es dem Publikum jetzt schmeckt oder nicht. Egal ob seine stimmliche Performance jetzt gut ist oder nicht.

 

Dass die Band dazu noch musikalisch interessant klingt und vor allem deutlich rockiger und gitarrenlästiger als auf ihrem Debüt-Album half der Sache noch mehr. Deshalb standen zum Schluss ihres Auftritts wohl auch mehr Leute vor der Bühne als bei ihrem ersten Song.

 

Ein Feuerwerk vergangener Zeiten

 

Das Publikum, im Schnitt wohl Ü-30, war aber sowieso hauptsächlich für eine andere Band gekommen. Denn das was die in Hamburg lebenden “Trümmer” nicht wirklich zeigen konnten, wurde dann von den Alt-Meistern umso besser gemacht. “Wenn mir jemand als 13-Jähriger gesagt hätte, dass ich mir mal eine Bühne mit Tocotronic teilen würde, wäre ich wohl ausgerastet”, hatte Trümmer-Sänger Paul Pötsch noch Gesagt und später wusste man auch warum.

 

Denn die vielleicht beste Indie-Rockband Deutschlands brannte wieder mal ein kleines Feuerwerk ab. Und das in bester Headliner-Manier. Neben zwei Songs vom aktuellen “roten Album” feuerten die Mitbegründer der Hamburger Schule einen Hit nach dem nächsten raus. Und das, ohne dabei ausgebrannt, müde oder der alten Songs leid zu wirken. Sänger Dirk von Lützow ist einfach eine Präsenz, der bei jedem seiner Schläge auf die Gitarrenseiten erkennen lässt, wie viel ihm die Songs bedeuten.

 

Niedergelassen, aber immer noch laut und scheppernd

 

Und das Publikum griff jeden nur allzu gerne auf. “Jackpot”, “Du bist ganz schön bedient” oder “Digital ist besser” lösten sofort begeisterte Chöre aus und zeigten wie der Hamburger Rock am besten ist. Nämlich etwas älter, aber trotzdem laut, scheppernd und verschrammelt.

 

Tocotronic waren daher die perfekte Besetzung als Headliner für dieses Ein-Tages-Festival in Stade, wo die Fans des Hamburger Indie-Rocks aus den 90er mal wieder hervor kommen und einen Tag lang abrocken, bevor es am Montag wieder zur Arbeit geht. “Müssen alle mit” war in diesem Jahr also vielleicht nicht unbedingt optimal für die heutige Jugend, aber die Rebellen der 90er bekamen hier ihre Dosis Nostalgie geschenkt und konnten sich gleichzeitig einen kleinen Überblick verschaffen, wie es um die Hamburger Indie-Szene (Trümmer & Fraktus) und die Deutsche Indie-Szene (Isolation Berlin) von heute steht.