Wie Leicester auf Gras

  Ein Rückblick auf die Saison des FC St. Pauli Am Millerntor riecht es immer irgendwie nach Marihuana. Das hat Nico Patschinksi mal gesagt. Dem ehemaligen Stürmer des FC St. Pauli – Hamburgs einzigem Zweitliga-Fußballverein – würde heute im Stadion auf dem Heiligengeistfeld, nahe der Reeperbahn, wohl eher auffallen, dass es so etwas wie einen […]

 

Ein Rückblick auf die Saison des FC St. Pauli

Am Millerntor riecht es immer irgendwie nach Marihuana. Das hat Nico Patschinksi mal gesagt. Dem ehemaligen Stürmer des FC St. Pauli – Hamburgs einzigem Zweitliga-Fußballverein – würde heute im Stadion auf dem Heiligengeistfeld, nahe der Reeperbahn, wohl eher auffallen, dass es so etwas wie einen Familienblock gibt.

Gemeine Hass(v)er würden den Klub vielleicht schon als eine Touristen-Attraktion bezeichnen. Ein Gang durch die Herbertstraße, ein Besuch in der „Ritze“ und dann eben noch einmal Zecken in der Wildnis live erleben. Andere nennen es vielleicht lieber: Spaß für Erwachsene. Mit Bier und Kinderbetreuung.

Alles neu am Millerntor

Egal, wie man es sieht: Der kleine Kiezklub hat sich seit Patschinskis Zeit von 2000 bis 2003 richtig rausgemacht. Vor allem im Stadion wurde Staub zu Glanz bzw. Holz zu Kunststoff. Und auch in dieser Saison lief es gut. So gut, dass man fast von einer Überraschungssaison sprechen könnte, wenn da nicht das Wunder von Leicester wäre.

Dort in der Mitte Englands, wo ausgemusterte Fußballer über sich hinauswuchsen, um den größten Überraschungserfolg der jüngeren Weltfußballgeschichte zu landen. Aber man muss jetzt nicht gleich in diese pulsierende Metropole im aufregenden Mittelengland reisen, um einen coolen Fußballverein zu sehen. Solche mitreißende Ereignisse lassen sich auch gut auf St. Pauli erleben! Die Parallelen sind eigentlich nicht zu übersehen.

Im Gleichschritt mit Leicester

Die Kiezkicker waren im Vorjahr ebenfalls dem Tod durch Abstieg nur knapp von der Schippe gesprungen – genau wie Leicester. Sie verpflichteten ebenfalls einen alten Haudegen als Trainer, der sich eigentlich schon ins berufliche Abseits manövriert hatte – genau wie Leicester. Und mal ganz ehrlich, was ist schlimmer? Die griechische Nationalmannschaft trainieren und gegen die Färöer-Inseln verlieren, wie Leicester-Trainer Claudio Ranieri, oder bei einem Mittelklasseverein der rumänischen Liga entlassen werden, wie St. Pauli-Trainer Ewald Lienen? Eigentlich egal, denn Griechenland und Rumänien sind beides wirtschaftlich bedrückte Regionen – genau wie Leicester.

Was die Saison auf dem Kiez ebenfalls mit Leicester verbindet, ist – neben billigen Nutten – eine starke Defensive. 11 von 14 Saisonsiegen wurden ohne Gegentor errungen. Und Rückschläge wie die erste Niederlage im sechsten Spiel, stellten die Stabilität – anders als bei wirklichen Hamburger Touristen Attraktionen wie der Elbphilarmonie – nicht in Frage. So endeten die Saisonspiele 7 und 8 wieder ohne Gegentor.

Auch Leicester hat Rückschläge weggesteckt. Heftige Niederlagen gegen große überfinanzierte Klubs wie Arsenal London – das Team der Weltmeister Per Mertesacker und Mesut Özil – Dopingvorwürfe und Ungereimtheiten bei den Klub-Finanzen konnten die „Foxes“ aber nicht aus der Bahn werfen.

Überraschungen sind auf St. Pauli meist negativ

Vielleicht lag das aber auch an ihren Überraschungs-Stars, wie dem vorbestraften Jamie Vardy oder dem wie vorbestraft aussehenden Robert Huth. Den besten Spieler der Saison – Riyad Mahrez – hatten sie vorher von einem französischen Zweitligisten verpflichtet.

Aber was die können, können wir schon lange bzw. besser, denn unser Star-Einkauf für diese Saison spielte vorher nämlich bei einem mittelklassigen Verein in Holland. Und zwar in dessen zweiter Mannschaft! Unregelmäßig! Ryo Miyaichi – so sein Name, der sogar fast wie der Name von Leicesters Star Riyad Mahrez klingt – wusste sogar zu überzeugen. Für genau eine Stunde im ersten unwichtigen Freundschaftsspiel. Dann riss sein Kreuzband. Typisch St. Pauli!

Nicht Meister, aber dafür groß in den Herzen

Ohne einen herausragenden Spieler ist es dann natürlich schwer so richtig zu überraschen. Folglich schnitt St. Pauli im restlichen Vergleich mit Leicester eher schlecht ab. Spielten wir schnellen, berauschenden Fußball wie Leicester? Nein. In der Offensive waren wir so ideenlos wie ein Musikproduzent, den die ARD für den Eurovision Song Contest eingekauft hat. Waren wir vor eigenem Publikum besonders stark, so wie Leicester? Nein. Siege gegen Sandhausen, Heidenheim oder Bielefeld waren für uns so undenkbar, wie eine Dopingkontrolle auf Jamaika. Und haben wir beeindruckende Coups gegen übermächtige Gegner gelandet, so wie Leicester? Nein, es sei denn man nennt jemandem ans Bein pissen einen Coup und Bild-Chefredakteur Kai Diekmann mächtig.

Während wir uns nun das Wort „Flüchtlingshelfer“ anstecken können, steht neben Leicester City jetzt der Begriff Meister. Welchen Beinamen die St. Pauli-Fans bevorzugen, sollte klar sein. Egal auf welchem Platz man in der Tabelle steht oder in welches seelenlose Kaff (z.B Paderborn, Leipzig oder Frankfurt) man als nächstes zum Auswärtsspiel fährt, die Fans helfen gehörig bei der alljährlichen Flucht nach vorne mit.

Auch die letzten beiden bedeutungslosen Heimspiele der Saison, in denen es für uns nur noch um die Frage geht, ob man Holz für den Vierten oder Plastik für den Fünften Platz bekommt, waren Wochen vorher ausverkauft. Zum letzten Auswärtsspiel der Saison fuhren über 4.000 Fans ins 600 Kilometer entfernte Nürnberg. Das letzte Mal, dass so viele Besucher nach Nürnberg gekommen sind, konnte man Kriegsverbrecher vor Gericht beobachten. Fußball auf St. Pauli ist halt ein Erlebnis… ein Event… eine Attraktion…? Eine Touristen-Attraktion…? So wie es jetzt Leicester zu werden droht?

Der Boulevard-Verein Hamburgs

Es mag da etwas dran sein, aber die vergangene Saison und vor allem die zwei Jahre davor, haben eher den anderen Hamburger Fußballverein – von Einheimischen liebevoll „St.Ellingen“ genannt – zur lustigen Sportattraktion der Hansestadt gemacht. Dort kann man schließlich Prügeleien im Training beobachten und darüber tratschen wessen Spielermutter Leder-BHs am besten trägt (#PML10) oder welche Nazi-Sympathisanten-Familie als nächstes Anteile am Verein erwirbt.

St. Pauli war auch mal Klatsch & Tratsch. Damals als noch Geldstücke auf Uli Hoeneß und Bierbecher auf Linienrichter geworfen wurden. Aber die Zeiten sind eigentlich vorbei. Der FC St. Pauli ist jetzt seriös. Schließlich bietet man Kinderbetreuung im Stadion an.

Am Ende zählt der Name und der Spaß

So bleibt als Fazit nach einer überraschenden aber irgendwie unaufgeregten Saison festzuhalten, dass sich der FC St. Pauli immer mehr dem Mainstream nähert. Tabellarisch wie gesellschaftlich. Aber das macht den Verein wahrscheinlich nur zugänglicher für Außenstehende.

Immerhin bleiben die Kiezkicker der Leicester-Linie treu und haben an oberster Stelle im Verein jemanden mit einem lustigen Namen installiert. Ok, der Unternehmer Vichai Srivaddhanaprabha hat seinen Namen direkt vom thailändischen König erhalten, weil sein echter Nachname „Raksriaksorn“ viel zu eingänglich war, aber die Referenzen bei der Namensgebung für St. Paulis Vorstandsvorsitzenden Oke Göttlich lassen auf eine noch höhere Macht schließen. Da kann ja eigentlich nichts schief gehen und so bleibt die Vorfreude auf die neue Saison, in der es hoffentlich wieder ein bisschen mehr nach Gras im Stadion riecht.